Tutorial P2P - Fehlermuster Prozessabbruch
TL;DR
Ziel: Prozesse erzeugen, die an unterschiedlichen Stellen enden und dadurch offen bleiben.
Voraussetzungen: Die bisherigen Simple-Use-Cases sind konfiguriert.
Ergebnis: Ein Teil der Cases endet gezielt nach Bestellanforderung, Bestellung, Bestellposition, Rechnung oder Rechnungsfreigabe.
Fachliche Fragestellung
Nicht jeder Beschaffungsprozess wird vollständig abgeschlossen.
Typische Fragestellungen sind:
Wo brechen Prozesse besonders häufig ab?
Welche Bestellungen erreichen nie einen Wareneingang oder eine Rechnung?
Welche Rechnungen werden freigegeben, aber anschließend nicht bezahlt?
Wie ist der aktuelle Zustand meines Prozesses.
Für solche Fälle verwenden wir das Abort-Behaviour.
Gewünschtes Datenbild
Ein normaler Case durchläuft beispielsweise:
Bestellanforderung
→ Bestellung
→ Bestellposition
→ Wareneingang
→ Rechnung
→ Rechnungsfreigabe
→ Zahlung
Ein offener Case kann dagegen beispielsweise bereits hier enden:
Bestellanforderung
→ Bestellung
→ Bestellposition
→ Ende
Der letzte Prozessschritt ist vorhanden, alle nachfolgenden Prozessobjekte fehlen.
Was macht Abort?
Öffne: 04 Special Behaviour
und wähle: Abort (stop process after this slot)
Bei einem Abort wird der ausgewählte Slot selbst noch erzeugt.
Alle nachfolgenden Prozessschritte werden dagegen nicht mehr erzeugt.
Beispiel:
Slot to stop after:bestellung
Ergebnis:
Bestellanforderung → Bestellung → Ende
Es entstehen für diesen Case keine nachgelagerten Bestellpositionen, Wareneingänge, Rechnungen oder Zahlungen.
Abort ist nicht dasselbe wie Drop-off
Bei Status-Spalten gibt es zusätzlich die Einstellung:
Drop-off %
Diese beendet jedoch nur die interne Statusfolge der jeweiligen Tabelle. Sie garantiert nicht, dass auch die gesamte nachgelagerte Causal Chain endet.
Für echte offene Prozesse verwenden wir deshalb:
Abort
1. Offene Prozesse nach der Bestellanforderung
Lege eine neue Regel an:
Type:Abort
Slot to stop after:bestellanforderung
Probability (%):8
exactly N % (fixed rate):
aktiviert
Tag:PROZESS_OFFEN_NACH_BESTELLANFORDERUNG
Damit werden bei 500 Cases für diese Regel: 40 Cases ausgewählt.
2. Weitere Abbruchpunkte konfigurieren
Im Simple-P2P-Modell verwenden wir mehrere Abbruchpunkte aus der bestehenden Demo-Konfiguration.
| Prozess endet nach | Wahrscheinlichkeit | Tag |
|---|---|---|
bestellanforderung | 8 % | PROZESS_OFFEN_NACH_BESTELLANFORDERUNG |
bestellung | 6 % | PROZESS_OFFEN_NACH_BESTELLUNG |
bestellposition | 5 % | PROZESS_OFFEN_NACH_BESTELLPOSITION |
rechnung | 3 % | PROZESS_OFFEN_NACH_RECHNUNG |
rechnung_freigabe | 2 % | PROZESS_OFFEN_NACH_RECHNUNGSFREIGABE |
Für jede Regel aktivieren wir: exactly N % (fixed rate)
Damit entstehen reproduzierbare Abbruchquoten.
Was bedeuten die einzelnen Abbruchpunkte?
Nach bestellanforderung
Es wurde ein Bedarf angelegt, aber keine Bestellung erstellt.
Bestellanforderung → Ende
Nach bestellung
Eine Bestellung existiert, wird aber nicht weiter verarbeitet.
Bestellanforderung → Bestellung → Ende
Nach bestellposition
Die Bestellung enthält Positionen, erreicht aber keinen Wareneingang.
... → Bestellposition → Ende
Nach rechnung
Eine Rechnung wurde erfasst, aber nicht freigegeben.
... → Rechnung → Ende
Nach rechnung_freigabe
Die Rechnung wurde freigegeben, aber es entsteht keine Zahlung.
... → Rechnungsfreigabe → Ende
Gerade der letzte Fall ist später für Working-Capital- und Zahlungsanalysen interessant.
Wichtig: Die Regeln können sich überschneiden
Jede Abort-Regel wählt bei aktivem exactly N % ihre Cases separat aus. Die Engine bestimmt dafür pro Regel exakt round(Probability × Number of cases) Case-Indizes.
Ein Case kann dadurch theoretisch von mehreren Abort-Regeln ausgewählt werden.
Wenn ein Case beispielsweise sowohl für:
Abort nach bestellung
als auch für:
Abort nach rechnung
ausgewählt wurde, endet er bereits nach der Bestellung.
Der früheste Abbruchpunkt bestimmt also den tatsächlich sichtbaren Prozessendpunkt.
Die Prozentwerte sollten deshalb als konfigurierte Quote je Regel verstanden werden und nicht einfach zu einer Gesamt-Abbruchquote addiert werden.
Was sollte ich später in Noreja sehen?
Im Process Mining sollten nun mehrere unvollständige kausale Varianten entstehen.
Beispiele:
Bestellanforderung → Ende
Bestellanforderung → Bestellung → Ende
... → Rechnung → Ende
... → Rechnungsfreigabe → Ende
Daraus ergeben sich typische Fragestellungen wie:
An welcher Stelle enden Prozesse besonders häufig?
Welche Attribute unterscheiden vollständige von offenen Cases?
Welche Lieferanten, Produktgruppen oder Anforderer treten bei offenen Prozessen häufiger auf?
Wie viel Bestellvolumen steckt in noch nicht abgeschlossenen Vorgängen?
Unterschied zu den bisherigen Use Cases
Maverick Buying
→ ein vorgesehener Freigabeschritt wird umgangen.
Lieferantenperformance
→ der Prozess wird langsamer.
Rework
→ ein Objekt wird erneut bearbeitet.
Wrong Order
→ Aktivitäten liegen in der falschen zeitlichen Reihenfolge.
Abort
→ der Prozess endet vollständig oder pausiert an einem definierten Punkt.
Damit haben wir nun auch unvollständige Cases im synthetischen Datensatz.
Typische Fehler / darauf achten
Den Slot auswählen, der noch stattfinden soll.Abort after bestellung bedeutet: Die Bestellung wird noch erzeugt – erst danach endet der Prozess.
Abort nicht mit Drop-off % verwechseln.Abort beendet die nachgelagerte Causal Chain.
Prozentwerte nicht einfach addieren.
Mehrere Abort-Regeln können denselben Case auswählen.
exactly N % aktivieren.
So bleiben die konfigurierten Quoten über wiederholte Trainingsläufe reproduzierbar.
Ergebnis
Unser P2P-Datensatz enthält nun neben vollständigen Prozessen auch gezielt offene Cases mit unterschiedlichen Endpunkten.
Dadurch können wir später nicht nur Prozessvarianten und Durchlaufzeiten analysieren, sondern auch untersuchen:
Warum werden bestimmte Beschaffungsprozesse nicht abgeschlossen?
Nächster Schritt
Als letzten Simple-Use-Case verbinden wir Prozesszeit mit einem finanziellen Effekt:
Skontoverlust und Working Capital
Dafür verzögern wir Zahlungen gezielt und untersuchen, wann dadurch vorhandene Skontofristen überschritten werden.